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Die Deutschen Kolonien an der Wolga

 




Die Deutschen Kolonien an der Wolga

Der Autor beschrieb 1911 Geschichte der Wolgakolonien, die zum 150jährigen Jubiläum der Einwanderung an die Wolga gedruckt werden sollte, aber geschichtliche Ereignisse haben das Erscheinen seines Werkes verhindert. Das Manuskript geriet in Vergessenheit, wurde vor wenigen Jahren wieder aufgefunden und liegt nun in Erstausgabe vor. Es zeigt in ungeschminkter Weise die Entwicklung der Wolgakolonien und ist eine Fundgrube für jeden geschichtsbewussten Russland-Deutschen und die Forscherzunft. In der Vergangenheit wurden von namhaften Historikern viele Bücher über die deutschen Kolonien an der Wolga geschrieben. Aber jetzt ist ein Werk erschienen, das alle anderen in den Schatten stellt.

Johannes Kufeld, selbst ein Wolgadeutscher, hat in mühevoller Arbeit Material zusammengetragen, das zum größten Teil in den dörflichen wie auch den staatlichen Archiven Russlands verborgen war. Widrige Umstände wie Bürger- und Weltkriege verhinderten jedoch das Erscheinen. Das Manuskript galt als verschollen, nachdem es von Kufelds Witwe nach Deutschland gebracht worden war. 80 Jahre später wurde es wieder aufgefunden, und der"Historische Forschungsverein der Deutschen aus Russland" hat die Aufgabe übernommen, das Werk aus Anlass des 90. Todestages von Pastor Kufeld herauszugeben. Damit wird dem Historiker unbekanntes Material und den interessierten Wolgadeutschen Einblick in die Vergangenheit ihrer Vorfahren geboten.

Der Autor schildert nicht nur Lebensweise, Sitten und Gebräuche, Arbeitsweise, Familienleben, Schulwesen und Kirchen, sondern auch das Wirken der Obrigkeit. Er geht tiefer, hält seinen Mitmenschen einen Spiegel vor, in dem er ihnen schonungslos offenlegt, was in der Vergangenheit falsch gemacht wurde, zeigte aber auch Wege auf, wie man auf allen Gebieten Verbesserungen hätte erreichen können. Als Grundübel prangert er neben dem mangelhaften Schulsystem das russische Agrar bzw. Mirsystem an, bei dem jeder Familie Land nach der Anzahl ihrer männlichen Mitglieder zugewiesen wurde. Die Folgen beschreibt Kufeld so:

"... Durch das hier herrschende Seelensystem ... bleiben selbst die verheirateten Söhne im Haus. ... Es gibt Baurnwohnungen, wo in 2-3 Zimmern bis zu 7 Himmelbetten nebeneinander stehen und die zahlreichen Kinder in der Nacht in Kisten und Kästen untergebracht werden." Drastisch beschreibt er die Lebensweise der Kolonisten. Ein Beispiel: "... Unsauberkeit in den Wohnungen gilt bei den Kolonisten als große Schande. Der Kolonist ist wohl auf sehr reine Leibwäsche bedacht, hat aber eine merkwürdige Furcht vor dem Wasser. ... Beim Baden im Fluß sind es wohl die jüngeren Elemente, die älteren Leute halten dies für einen unnützen Luxus und meinen, es sei dem Fleische genug gefrönt, wenn der sündhafte Leib wenigstens ein mal im Jahr zu Hause abgewaschen wird."

Bedrückend und fast nicht zu glauben, sind Kufelds Ausführungen in dem Kapitel "Die Stellung der Frau in den Wolgakolonien“. Für uns heutige Menschen unvorstellbar. Und erst die Schulen! Dass nicht selten ein Lehrer zusammen mit einem Gehilfen 500 bis 1.000 Schüler zu unterrichten hatte, war bekannt. Die Gründe hierfür stellt Pastor Kufeld auf unnachahmliche Weise heraus und schont dabei auch die Kirche nicht. Aus Büchern anderer Autoren zitiert er reichlich überzogene Angriffe gegen die Kirche, verteidigt diese aber vehement gegen falsche Anschuldigungen. Das Verfassen des katholischen Teil des Buches überließ Kufeld seinem Kollegen Pastor Konrad Keller. Deutlich greift Kufeld die Beamtenschaft an, besonders die russische, aber auch die deutsche des Kolonisten-Kontors. Teilweise aus eigenem Erleben schildert er deren Methoden der Bereicherung etwa bei den an der Wolga häufig vorkommenden Prozessen: "...die Taktik war, daß man denjenigen der Parteien als Sieger hervorgehen ließ, der am meisten zahlte, und nahm keinen Anstand, die Siegerpalme abwechselnd der einen und der anderen Partei zu schicken, je nachdem wie sie ihre Zahlungen zwischenzeitlich erhöhten." So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Kufeld die sittlichen Verhältnisse in den Kolonien anprangerte. Als einen der Gründe führte er an: "Mit zunehmendem Wohlstand ist immer ein sittlicher Verfall verbunden." Trotz aller beschriebenen Unzulänglichkeiten endet das Buch von Kufeld versöhnlich.

Preis: 24,95 EUR


Autor/Bearbeiter:
Johannes Kufeld

erschienen:
Nürnberg

Format/Umfang:
445 Seiten



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